Die Aichelburger

Die Aichelburger, ein aus Kärnten stammendes altes Adelsgeschlecht hatte sich durch Heirat im Riesengebirge angesiedelt. Der kaiserliche und königliche Kammerherr Alfons Gabriel Graf von und zu Aichelburg lernte während seines Aufenthalts in Brünn Gräfin Josephine von Schaffgotsch kennen, die im 1800 im Marschendorfer Schloss geboren wurde. Damals waren die Schaffgotschs, die ab dem 14. Jahrhundert bis 1945, also beachtliche 600 Jahre lang Besitzer des nördlichen, schlesischen Teils des Riesengebirges waren, in Besitz der Marschendorfer Herrschaft. Auch sie waren durch Heirat in den Besitz von Marschendorf und des Ostriesengebirges gekommen und zwar als Johann Ernst Anton von Schaffgotsch zu Beginn des 18. Jahrhunderts Maria Elsbeth von Waldstein ehelichte. Einer der namhaftesten Nachkommen war Berthold von Aichelburg.

Graf Berthold von und zu Aichelburg 1823 - 1861

Berthold war der Erstgeborene von 16 Geschwistern. Dass er später Marschendorf allein erbte, hing mit den damaligen Verhältnissen unter den Adelsgeschlechtern, aber auch mit der Beziehung der Landwirte zur Privatwirtschaft zusammen. Natürlich zusammengewachsene Komplexe durften nicht geteilt werden; sie wurden jeweils immer vom Ältesten oder Fähigsten aller Geschwister übernommen. Die anderen Geschwister widmeten sich anderen Geschäften und Tätigkeiten und wurden gegebenenfalls ausgezahlt oder bekamen Gewinnanteile.
Seine Kindheit verbrachte Berthold in der Herrschaft Bìlohrad, dem heutigen Kurstädtchen Láznì Bìlohrad. Im Jahre 1829 siedelten seine Eltern nach Marschendorf im Riesengebirge über. Nur ein paar Monate später starb seine Mutter. Berthold war damals fünf Jahre alt, seine Geschwister waren noch jünger. Deshalb wurde ein Erzieher eingestellt - Karl Helscher, der gleichzeitig auch Hauslehrer war. Ihre Reifeprüfung legte die Kinder am Gymnasium in Jitschin (Jièín) ab. Diese Zeit - inmitten dieser schlichten, aber auch romantischen Gegend - formte Berthold zu einem lebhaften und freundlichen jungen Burschen. Sein Vater heiratete erneut und hielt sich später wieder in Bìlohrad auf, wo ihn der bekannte Schriftsteller Karel Václav Rais in seinen Werken beschrieb.
Ab dem Wintersemester 1836 war studierte Berthold am Piaristenkonvikt zu Prag, später studierte er an der k.u.k. Universität in Prag Philosophie und Jura. Im Sommersemester 1843 legte er dann jedoch nicht die vorgeschriebene Prüfung ab, wodurch ihm eine Karriere als Staatsbeamter versagt blieb.
Schon damals war er jedoch ein guter Pianist, sein musikalisches Talent und seine Vorliebe für die Musik kamen schon in früher Kindheit zum Ausdruck. Schon mit vier Jahren musizierte er zusammen mit seinen Eltern, mit zwölf Jahren begann er Orgel zu spielen. Als Student bewegt sich Berthold nicht nur in höchsten, ja exklusiven Kreisen, viel öfter hielt er sich unter seinen Kameraden in Jitschin (Jièín), Königgrätz (Hradec Králové) und Braunau ( Broumov) auf, die ihn wegen seiner Herzlichkeit und seines gutmütigen Charakters aufrichtig mochten. Als Jurastudent wurde er nicht zum Meister im Klavierspiel, er musizierte aber auch auf anderen Instrumenten, so zum Beispiel auf dem Waldhorn. Seine Kompositionen, die er als Jurastudent schuf, ernteten allgemeinen Beifall. Während der Sommerferien 1841 unternahm Berthold mit einem seiner Kollegen eine dazumal sicher nicht einfache Reise in die Schweiz. Im Städtchen Schwyz kam er in einem der besten Gasthöfe unter. Beide Studenten gaben sich als böhmische Handwerksgesellen aus, aber dem Gastwirt fiel das vornehme Benehmen der jungen Reisenden auf. Sein Staunen kannte keine Grenzen, als sich einer von ihnen ans Klavier setzte und wie ein Berufskünstler zu spielen begann. Einem der Gäste gefiel das Klavierspiel so gut, dass er um eine Zugabe bat. Berthold war aber der Meinung, es sei vorerst genug, er war aber damit einverstanden, am Abend ein Konzert zu geben.
Weil es regnete, verbreitete sich die Nachricht von der geplanten Darbietung nur langsam und so kamen auch nur wenige Gäste in den Gasthofsaal. Dennoch gab Berthold sein Konzert und kam auch dem Wunsch nach, seinen Aufenthalt zu verlängern und am darauffolgenden Tag noch einmal zu konzertieren. Diesmal spielte Berthold vor vollem Auditorium und erntete stürmischen Beifall. Den Erlös von 300 Franken aus den verkauften Eintrittskarten übergab er dem Wirt zur Verwahrung. Am nächsten Tag machte er sich schon im Morgengrauen auf den Weg, aber noch vorher schrieb er dem Gemeindevorsteher einen Brief, in dem er den gesamten Erlös dem hiesigen Armenfonds vermachte. Und so erfuhr das Städtchen erst nach seiner Abreise, dass Graf Aichelburg aus Böhmen in ihrem Gasthof konzertiert hatte.
Am 4. Januar 1845 trat er als Kadett in das k.u.k. Dragoner-Regiment Nr. 1 "Erzherzog Johann" ein. Das Regiment lag damals in Maria-Theresiopel (ungar. Szabadka) dem heutigen Subotica im Restjugoslawien. Berthold war hin und wieder mit seiner Einheit auch im westlich von Budapest gelegenen Mor einquartiert. Urplötzlich schied er am 14. November 1847 im Rang eines Unterleutnants aus dem Militärdienst aus. Grund dafür war ein Mädchen, das er bei seinen militärischen Reisen in der im Südosten liegenden Stadt Temesvar kennen gelernt hatte und in das er sich Hals über Kopf verliebte. Am 22. November 1847 heiratete Berthold in Temesvar Theodora Ernestina Schulp, die Halbwaise eines k.u.k. Hauptmanns, der verstorben war, bevor Ernesta das Licht der Welt erblickte.
Am 30. Juli 1847, noch vor seiner Heirat, übernahm Berthold von seinem Vater Alphons Gabriel offiziell die Herrschaft Marschendorf, wie dies im Testament der verstorbenen Mutter bestimmt war. Nach Aufhebung der Untertänigkeit und der Herrengerichte kraft kaiserlichem Dekret vom 9. September 1848 kümmerte sich Berthold um die Gründung eines k.u.k. Kreisgerichts in Marschendorf, um es den hiesigen Einwohnern zu ersparen, politischen und rechtlichen Beistand in der Ferne suchen zu müssen. Damals war Marschendorf behördlich in die Teile I., II., III. und IV. aufgeteilt, die bis heute tief im Alltagsleben verwurzelt sind.
Berthold begeisterte sich später für die damals sehr populäre Lehre des Pfarrers Sebastian Kneipp über die Heilkraft von Kaltwasser. Tief von dieser Therapie überzeugt, wurde zu ihrem eifrigen Vertreter und so war es kein Wunder, dass er im Jahr 1855 in Dunkeltal ein Kneipp-Bad errichtete. In der ohnehin rauen Witterung des Riesengebirges erregten die kalten Bäder jedoch keine große Begeisterung und so wurde es zum Gasthof umfunktioniert. (Nach dem Ende der kommunistischen Ära entstand hier in den Jahren 1993-1995 die Galerie und Pension Veselý výlet). Kaum war dieser Bau fertig, erbaute Berthold beim Marschendorfer Schloss den "Bräuhofsaal", in dem größere Versammlungen und Veranstaltungen stattfinden konnten, als in diesem Gasthof. In diesem neuen Saal sollte vor allem die von Berthold schon 1855 in Marschendorf gründete Kapelle Musik machen, zu deren Konzerten man aus Nah und Fern kam. Berthold stattet die Kapelle mit nicht geringen Kosten aus, anfangs leitete und dirigierte er sie allein, später engagierte er den Kapellmeister Johann Niegmann und noch später einen k.u.k. Armeekapellmeister. In den Jahren von 1855 bis 1861 komponierte Berthold für die Kapelle viele Tänze, vor allem Quadrillen und Polkas, voller zärtlicher Melodien im Stil der damals modernen Wiener Tanzmusik. Ein paar seiner Kompositionen wurden in Prag sogar preisgekrönt. In gedruckter Form erschienen jedoch nur ein paar von ihnen: Annenpolka. J. Hoffmann's Witwe, Prag (Kollektion "Beliebte Tänze für Pianoforte von Graf Aichelburg"). Karolinenwalzer. Gewidmet dem hoch verehrten Herrn Anton C. Mudroch, der ehrenwerten Magnifizenz, dem Doktor und Rektor an der Karlsuniversität und vormaligem Dekan an der Juristischen Fakultät. Jacob Fischer, Prag. Zither-Polka. Gewidmet dem hoch verehrten Fräulein Marie, Gräfin von Lamberk. Jacob Fischer, Prag. Quadrille für Dorina. J. Hoffmann's Witwe, Prag. Je länger, desto besser. Polka. J. Hoffmann's Witwe, Prag. (Dämmerpolka). (Francaise). Drei Paragraphen aus dem Tanzkodex des Gerichtsballs von 1859. Gewidmet den Herren Rechtshörern an der Prager Universität. J. Hoffmann's Witwe, Prag. Schneeglöckchen-Polka. J. Hoffmann's Witwe, Prag.
Im Jahre 1856 ließ Berthold ein Zollhaus in Kleinaupa an der Grenze zu Preußen errichten. In Marschendorf gab es damals zwar schon eine Glashütte, Berthold wollte hier aber noch weitere Gewerbe ansiedeln. Größtes Hindernis war der unzulängliche Zustand der Straßen. Obwohl man schon in der Vergangenheit eine Reihe Versuche zu deren Verbesserung unternommen hatte, war Berthold der erste, der dieses Unterfangen mit großer Energie vorantrieb. 1860 wurde die Straße zwischen den imposanten Riesengebirgsfelsen zur Scholzenhöhe fertig gestellt. Bis 1866 war man dann mit dem Weg entlang der Aupa im Riesengrund bis zum Fuße der Schneekoppe beschäftigt. Im Jahre 1859 gründete Berthold mitten in Marschendorf eine von Wasserkraft angetriebene Brettschneiderei, in der man Schindeln, das damals meistverwendete Material zur Dacheindeckung, hergestellte. Nahezu zum gleichen Zeitpunkt nahm er den Bau einer schon längere Zeit projektierten Wäscherei in Angriff. Als sie 1861 in Betrieb genommen wurde, plante Berthold schon wieder deren Vergrößerung. So wandelte sich der Herrschaftsbesitzer zum Industriellen.
Jahr für Jahr ließ er 150 - 300 Klafter (1 Klafter = 6.82 m3) Brennholz unter den Armen verteilen, an bestimmten Wochentagen wurden spezielle Marken zur sozialen Unterstützung verteilt. Oft besuchte er allein, hin und wieder auch mit seiner Gattin die Höfe und Hütten, um mehr über die Lebensbedingungen der hier lebenden Menschen zu erfahren. Berthold integrierte sich bald voll und ganz ins öffentliche Leben des Riesengebirges. Da er mondäne Feiern nicht besonders mochte, lebte er ziemlich bescheiden, aber Volksfeste besuchte er ausgesprochen gern. Sein freundschaftliches Verhältnis kam gut an. Berthold genoss allgemein Vertrauen und große Achtung, 1861 wurde er zum Landtagsabgeordneten vorgeschlagen. Bescheiden lehnte er diese Kandidatur ab und schlug einen anderen, seiner Meinung nach fähigeren Kandidaten vor, nämlich den Trautenauer Arzt Bernhard A. Pauer.Aus seiner Ehe gingen vier Kinder hervor: Alfons, * Marschendorf 20.12.1848, der später Baronin Karoline Bees-Chrostin aus Velichovky ehelichte; Theodora, * Marschendorf, 2.9.1851, die spätere Ehegattin von Pala Csuzy de Czuz aus Pressburg ( das heutige Bratislava); Antonie, * Marschendorf 14.9.1854, die sich später mit dem Sohn des berühmten Baumeisters und Planers des Suez-Kanals, Alois Negrelli von Moldelbe vermählte. Den Namen Moldelbe bekam er seiner Bauten an den Flüssen Moldau und Elbe wegen. Und letztendlich Bertholda * Marschendorf, 13.7.1859, die später mit Oskar Ambro von Adamocz und in ihrer zweiten Ehe mit dem Portugiesen Baron Jacquese Oliveira verheiratet war. Die in Marschendorf lebenden Gouvernante der Kinder, Baronin Edith von Aichelburg, stammte dem Kärtner Zweig des Adelsgeschlechts der Zossenegg ab.
Gräfin Theodora fühlte sich in den kühlen Gefilden des Riesengebirges jedoch nicht wohl und sehnte sich nach der sonnigen Puszta im heimatlichen Ungarn. Auch bei den hiesigen Einwohnern genoss sie keinen großen Respekt. Gern sie trug damals schon aus der Mode gekommene Krinolinen (Reifröcke), die indirekt auch Anlass zu Berthold's Tod gaben. Am Abend des 12. Mai 1861 wollte Berthold mit seiner Familie eine Theatervorstellung im Bräuhof besuchen. Um Theodora mit ihrer Vorliebe für breite Kleider zu necken, bestellte Berthold in ihrer Gegenwart acht, statt vier Eintrittskarten - zwei davon waren für die beiden Geschwister von Berthold bestimmt, die in Marschendorf zu Besuch waren. Aber der Lakai verstand den Scherz falsch und kaufte tatsächlich acht Eintrittskarten. Als Berthold und Theodora am Abend den vollen Saal betraten, mussten sie feststellen, dass nicht einmal genug Platz für alle hiesigen höheren Beamten übrig geblieben war. Der Kreisvorsteher und vor allem seine Gattin waren zutiefst beleidigt. Theodora machte Berthold vor allen Anwesenden eine Szene, die ihren Gipfel erreichte, als Berthold sich beim Vorsteher entschuldigte und ihn bat, neben ihm Platz zu nehmen. Theodora lief tief in ihrem Stolz getroffen aus dem Saal und zum Schloss zurück. Sie ging aber nicht hinein, sondern lief aufgeregt vor ihm hin und her. Sie verlangte von Berthold, der ihr gefolgt war, dieser solle den Kreisvorsteher sofort zum Duell auffordern, ansonsten werde sie nicht ins Schloss zurückkehren, sondern nach Ungarn heimkehren. Wenn Berthold damals zum Schein zugestimmt und einspannen lassen hätte, wäre Theodoras Zorn unterwegs sicher wohl verflogen.
Am nächsten Morgen reisten Berthold's jüngerer Bruder Alfred und seine beiden Schwestern aus Marschendorf ab, um nicht Zeugen weiteren Ehestreits sein zu müssen. Berthold tat wohl die ganze Nacht über kein Auge zu. Theodora, die sich inzwischen beruhigt hatte, sandte Edith von Aichelburg zu Berthold, um sich zu versöhnen. Diese erzielte jedoch genau das Gegenteil. Editha sah dann nur noch, wie Berthold nach der Pistole suchte, die ihm Theodora einst geschenkt hatte. Erschrocken lief Editha zu Theodora zurück, aber als beide an der Tür zu seinem Büro angelangt waren, hörten sie nur noch den Schuss fallen. Berthold hatte sich mitten ins Herz geschossen. Die Wunde war nur klein und blutete nicht und so meinten sie ihn zu anfangs, er sei nur ohnmächtig. Es war der 13. Mai 1861, gegen 13 Uhr. Berthold selbst war 37, sein Sohn war zwölf, seine Töchter waren zehn, sieben und anderthalb Jahre alt. Theodora floh auf das Schloss Nové Zámky bei Arnau (Hostinné), zu den Grafen von Deym und traute sich lange Zeit nicht nach Marschendorf zurück. Als sie Bertholds Schwester Paulina auf Nové Zámky besuchte, sagte sie ihr: "Ich bin die Mörderin deines Bruders".
Um Berthold ein kirchliches Begräbnis zu ermöglichen, schrieb der Vorsitzende der Ärztekommission, welche die Obduktion durchführte, der "Graf habe infolge eines erregten Sinnes gehandelt, dem es an Besonnenheit gefehlt habe". Die Ursache für diesen abnormalen Zustand sei in seiner bekannten Kaltwasser-Heilmethode zu suchen. Sogar der Pfarrer schrieb in der Sterbematrikel: der "allergütigste Kirchenpatron verstarb infolge einer chronischen Hirnhautentzündung". Leicht hatten es sich die Ärzte nicht gemacht, Berthold wurde gründlich untersucht, wobei man seinen Schädel an der Stirn waagerecht aufsägte. Am 16. Mai 1861 wurde er um drei Uhr nachmittags unter Anteilnahme der gesamten Bevölkerung aus dem Aupatal auf dem Marschendorfer Friedhof beigesetzt, in einer Gruft, die im damals modernen neugotischen Stil erbaut war.
Welcher Achtung sich Berthold bei seinen Angestellten erfreute und wie schmerzhaft sein tragisches Ende ganz Marschendorf traf, geht aus der Absicht hervor, ihm ein Denkmal zu errichten. Im Einklang mit seinem Gesinnung dachte man dabei nicht an eine stolze Statue, sondern um den Neubau einer romantischen, altertümlichen Waldburg, die in die Landschaft passen und der Öffentlichkeit dienen sollte. Bei ihrer Eröffnung am 9. August 1863 bekam sie den Namen "Aichelburg auf der Bertholdshöhe".
Theodora heiratete 1864 noch einmal und zwar den Freiherrn Ludwig von Eder und zog letztendlich nach Ungarn zurück. Sohn Alfons übernahm die Herrschaft Marschendorf, über das weitere Schicksal von Theodora ist in der Familienchronik nichts mehr zu finden.

Niedergeschrieben von Herrn Wladimir Aichelburg in Wien für die Burggesellschaft Aichelburg.

Redigiert von Pavel Klimeš, 1999, veröffentlicht in der Zeitschrift Krkonoše.

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